Fachgruppe Kommunalverwaltung

Ausbildung darf keine Sackgasse sein

Ausbildung darf keine Sackgasse sein

Interview mit Martin Elsner vom Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BiBB)
Martin Elsner (BiBB) beim Symposium Aufstiegsfortbildung in der ver.di Bundesverwaltung im Mai 2011. Herbing Martin Elsner (BiBB)

Interview mit Martin Elsner vom Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BiBB)

Ausbildung darf keine Sackgasse sein  


Jede Berufsausbildung muss für den Beschäftigten eine Perspektive innehaben. So etwa lautet das Credo, das sich die Politik in Sachen Aus- und Weiterbildung auf die Fahnen geschrieben hat. Eine berufliche Erstausbildung soll – ebenso wie ein Studium – dabei helfen, die Karriereleiter nach oben zu steigen.

Wissenschaftler: Fortbildungsangebote werden angesichts des demografischen Wandels eine noch größere Rolle spielen
Unterschiedliche Weiterbildungsstränge in Bund, Ländern und Kommunen sowie weiße Flecken für bestimmte Berufe – das sind die Hauptkritikpunkte an der Aufstiegsfortbildung im öffentlichen Dienst. Was er im Detail bemängelt und welche Rolle die Gewerkschaften bei der Aufstiegsfortbildung seiner Ansicht nach innehaben, erklärt Martin Elsner vom Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn.

Wo hakt es bei der Aufstiegsqualifikation?
Elsner: Ich würde nicht sagen, dass es bei der Aufstiegsqualifikation hakt. Im Gegenteil. Gerade der öffentliche Dienst bietet den Beschäftigten gute Möglichkeiten, sich innerhalb des Berufes zu qualifizieren – als Ersatz für ein Studium. Dieses Angebot wird von den Beschäftigten auch gut wahrgenommen. Dennoch sehe ich Probleme. So hat beispielsweise jedes Bundesland eigene Weiterbildungsstränge für kommunale Beschäftigte aufgebaut, die untereinander nur schwer zu vergleichen sind. Für die Beschäftigten bedeutet das: Wenn sie ihrer Kommune, also ihrem Arbeitgeber treu bleiben, ist alles in Ordnung. Schwierig aber könnte es werden, wenn sie von München nach Hamburg ziehen oder von Freiburg nach Saarbrücken. Und es gibt nach wie vor Bereiche, die zu wenige Aufstiegsmöglichkeiten für die Beschäftigten bereithalten.

Welche Bereiche haben sie da vor Augen?
Elsner: Zum Beispiel in der Justiz. Justizfachangestellte haben in der Berufsbildung keine Perspektive und tun sich schwer, sich weiterzuentwickeln. Wie in allen Dienstleistungsberufen des öffentlichen Dienstes arbeiten hier überwiegend Frauen. Wir müssen aber sehen, dass sich das Rollenbild der Frau in den vergangenen Jahren gravierend gewandelt hat, dass der Gesetzgeber zum Beispiel auch das Scheidungsrecht geändert hat. Auch oder gerade in typischen Frauenberufen wird allein eine Erstausbildung in Zukunft nicht mehr reichen. Speziell für solche weißen Flecken müssen Angebote offeriert werden.

Wie ist die Lage in der Kommunalverwaltung?
Elsner: Da sieht es weitaus besser aus. In nahezu allen Bundesländern gibt es Regelungen zur Aufstiegsqualifikation. Das Hauptproblem ist, dass es zu viele unterschiedliche Regelungen gibt. Nötig wäre eine gewisse Vereinheitlichung. Denn nur dann sind die Qualifizierungen und natürlich die Abschlüsse vergleichbar. Während meiner Analyse der angebotenen Möglichkeiten habe ich festgestellt, dass sowohl die Inhalte als auch die Anforderungen an die Qualifizierung höchst unterschiedlich sind. In einem Land werden 700 Unterrichtsstunden für eine Qualifikation gebraucht, in einem anderen Land 1500 Stunden – wohl bemerkt für eine Qualifikation, die gleich bezeichnet wird. Oder Beispiel: Abschlussbezeichnung Fachwirt. Teilweise wird der Fachwirt als Führungskraft der mittleren Ebene angesehen, teilweise finden sie sich als gehobener Sachbearbeiter wieder. Das Profil der Fortbildung bleibt damit unklar.

Warum ist es für den öffentlichen Dienst von großer Bedeutung, dass er berufliche Perspektiven für die Beschäftigten eröffnet?
Elsner: Es geht um die Zukunftsfähigkeit des öffentlichen Dienstes. Perspektiven zu bieten ist immer wichtig, wenn eine Branche seine Beschäftigten halten will. In der Vergangenheit konnte der öffentliche Dienst auch damit gegenüber der Privatwirtschaft punkten, dass er zwar etwas niedrigere Löhne und Gehälter zahlte, dafür aber sicherere Arbeitsplätze bot. Das ändert sich. Die große Herausforderung der kommenden Jahre heißt Demografie. Der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt wandelt sich vom Nachfrager- zum Angebotsmarkt. Es wird die Herausforderung im Vordergrund stehen, leistungsstarke Schüler für eine Ausbildung zu motivieren. Gut ausgebildete und qualifizierte Beschäftigte müssen bei der Stange gehalten werden.

Und wie sind die Beschäftigten zu halten?
Elsner: Aufstiegsqualifikation wird hier eine wichtige Rolle spielen. Junge Leute sind vielleicht dankbar für eine Ausbildungsstelle. Wenn aber diese Ausbildung keine Perspektive hat, schwindet auch die Begeisterung. Ein attraktiver Arbeitgeber bietet eine gute Ausbildung, gute Arbeitsbedingungen und jede Menge Perspektiven. Das Ziel dabei ist, allen, die den Ehrgeiz haben, Aufstiegsmöglichkeiten zu bieten – selbst wenn sie sich in ihrer Jugend gegen eine  Hochschulausbildung entschieden haben. Es gibt in diesem Bereich bereits gute Ansätze. Auf ihnen muss aufgebaut werden.  Und – wie bereits erwähnt – die Inhalte und die Abschlüsse dieser Weiterbildungsmöglichkeiten müssen zwischen den Institutionen des öffentlichen Dienstes besser aufeinander abgestimmt werden. Außerdem gibt es auch in der Kommunalverwaltung Sackgassen, die speziell in den Blick genommen werden müssen.

Was ist zu tun und wer ist gefordert?
Elsner: Gefordert sind die Arbeitgeber und die Gewerkschaften. Speziell bei der Frage der einheitlichen Standards halten sich die Arbeitgeber bisher oft zurück. Leider. Die Wirtschaft ist in diesen Fragen der Verwaltung mehrere Schritte voraus.  So hat sich das KWB, das Kuratorium der Wirtschaft für Berufsbildung, längst dieser Fragen angenommen. Eine solche Koordinierungsstelle wird auch dringend für die Verwaltung gebraucht. Aktuell sehe ich daher die Gewerkschaften in einer besonderen Verantwortung.

Aber bietet Vielfalt nicht auch viele Möglichkeiten?
Elsner: 25 verschiedene  Fortbildungsabschlüsse allein für die Verwaltung – so viele Abschlüsse habe ich in der Analyse gezählt. Das ist keine positive Vielfalt mehr, sondern schafft nur Unübersichtlichkeit. Eine solche Unübersichtlichkeit  trägt nicht dazu bei, dass sich der öffentliche Dienst in Deutschland attraktiv positioniert. Auch nicht mit Blick auf die EU. Deutschland beschreitet bei der beruflichen Ausbildung mit dem dualen System zwar erfolgreich einen Sonderweg. Bei der Fortbildung im öffentlichen Dienst geht das Land nun den Sonderweg vom Sonderweg. Das macht die Anerkennung von Abschlüssen nicht nur innerhalb Deutschlands schwierig, sondern erschwert künftig auch den Wechsel für Beschäftigte aus anderen oder in andere EU-Staaten. Das widerspricht den Leitideen für ein gemeinsames Europa.